Anregungen - Predigtmeditationen - Antworten

Kirchenjahr

Weihnachten

Nur noch ein Museumsstück?

Die Adventszeit 2002 ist mir als sehr besinnlich in Erinnerung. Der Schnee, der meinen kleinen Wald erhellte, hielt mir plastisch vor Augen, wie gereinigt der sein kann, dessen Schuld vergeben ist. In Jesaja 1, 18 heißt es: „Wenn eure Sünde blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden“ 
Selbst in der Nacht reflektierte die weiße Pracht das Restlicht des wolkenverhangenen Himmels. Ich konnte bei einem Nachtspaziergang ohne Mühe den verschneiten Weg erkennen. Mir war es plötzlich so klar: Wo Sünde vergeben ist, da hat die Finsternis keine Macht. Ja, das und noch viel mehr ging mir beim Anblick des Schnees durch Herz und Seele. „Feuer, Hagel, Schnee und Nebel, Sturmwinde die sein Wort ausrichten. – Ja, die Adventszeit 2002 war für mich eine sinnliche und gesegnete Zeit. Selbst der Konsumkrieg um mich herum hat mich nicht erreicht.


Doch Heiligabend kam die „kalte Dusche“. Ich war eingeladen bei einer netten, gläubigen Familie. Da wurde zur Bescherung geläutet. Zunächst war ich dankbar, dass dem 3 jährigen Thies der Weihnachtsmann erspart blieb. Den mag ich nämlich nicht und ich wünsche ihn auch keinem Kind. Mit welcher Mühe und Akribie macht man die Kinder glauben, dass es einen Mann gibt, den es doch nicht gibt. – Warum muss es Weihnachten der Weihnachtsmann sein – warum nicht das Geburtstagskind Jesus, den es gibt? – Aber das ist ein anderes Thema.
Der kleine Thies riss ein Paket nach dem anderen auf. Kaum fing er an mit einem tollen Bagger zu spielen, hielt man ihm schon das nächste Paket vor die Nase. Am Ende war der kleine Mensch völlig fertig mit den Nerven. – Wird er so begreifen, was Weihnacht ist?
Ich musste vor die Tür um Luft zu schnappen. Da hörte ich es draußen einige male knallen. Ach nein! Wird denn jetzt schon Weihnachten geknallt?
Wenngleich ich die Gemeinschaft mit den Menschen genoss die ich liebe und die mich lieben, wurde ich immer stiller und trauriger. Ich fühlte mich so allein weil es mir schien, als wäre ich der einzige, den das Szenario traurig machte.
Am 1. Weihnachtstag, gerade ging es zu Tisch, da ereilte uns die Nachricht, dass sich am Heiligen Abend in der Nachbarschaft ein Ehepaar das Leben genommen hatte. Der Mann hatte zuerst seine Frau, dann sich selbst erschossen. Ich schämte mich zutiefst, dass mich das Geknalle am Vorabend zornig machte. Wer hätte geahnt, dass es Schüsse waren, die zwei Menschen getötet haben!


Nach kurzer Bestürzung ging es zur Tagesordnung über. Zwischen zwei Bissen wurde das zarte Fleisch gelobt. Jetzt war es völlig aus mit meiner Besinnlichkeit.
Im Geiste packte ich den Tannnennbaum, die Geschenke, die Gänsekeulen mitsamt dem Geschirr und warf alles in hohem Bogen zum Fenster hinaus.
Ich weiß nicht, ob es den Anwesenden bewusst war. Aus mir war jedenfalls alle weihnachtliche Stimmung entwichen.
Meine Erregung war nicht darin begründet, dass wir ein schönes Essen, ein wenig Luxus genossen. Die Dinge sind da, um verbraucht zu werden. Es rumorte in mir, dass bei der Todesnachricht nicht jeder von uns auf die Knie fiel und Gott sein Versagen gegenüber den in Not geratenen Nachbarn eingestand.
Ich weiß im Nachhinein, dass ich ungerecht war. Ich weiß dass ich mich überhoben habe, als ich – wenn auch nur im Geiste – den Tannenbaum und das alles zum Fenster hinauswarf.


Was von diesem Weihnachtserlebnis bis heute in mir nachklingt, ist die bange Frage: „Werde ich es merken, wenn mein Nachbar der Lebensmut verlässt? Werde ich zur rechten Zeit ein rechtes Wort, ein Lächeln, ein Blick, eine Geste für ihn haben, die ihn wieder aufrichtet? Ich will es nicht akzeptieren, dass hier ein Christ wohnt und einige Meter weiter Menschen am Leben zugrunde gehen!
Was können wir Christen tun, damit durch unser Licht der Nachbar erleuchtet wird? Was können wir tun - was können wir tun, damit der Nachbar am Leben bleibt – oder besser gesagt: Zum Leben kommt?
Wir können nichts tun, so ist mir klar geworden, wenn unsere Feste ihren Grund nicht mehr erkennen lassen. Und damit meine ich nicht nur Weihnachten, Ostern, Entedankfest oder den Sonntag, sondern jeden Tag, an dem wir uns feiern, statt den der uns Grund zum Feiern schenkt: Jesus Christus, der unsere Schuld vergibt. So gesehen ist dem Christen jeder Tag ein Fest.


Wie sähe es denn aus, wenn wir Jesus mit auf unsere Feste nähmen. Die leiblichen Brüder von Jesus wollten gerne, dass er mit auf das Laubhüttenfest kommt. Das war das größte Fest Israels, das an die Bewahrung der 40 Jahre in der Wüste erinnern sollte. Später wurde das Fest ein Fest der Ausschweifung. Von den Griechen wurde es mit dem Bacchusfest verglichen. (Bacchus ist der lateinische Name für den griechischen Gott Dionysos, den Gott des Weines und der Fruchtbarkeit.)  Das rauschende Laubhüttenfest dauerte 7 Tage. Aus allen Teilen der Welt kamen Juden und Judengenossen, um in Jerusalem zu feiern. Jesus gibt seinen Brüdern eine Abfuhr: (Joh 7, 8) „Geht ihr hinauf zum Fest. Ich will nicht hinaufgehen zu diesem Fest, denn meine Zeit ist noch nicht erfüllt.“ Jesus lässt sich nicht mitnehmen zu Festen, auf denen wir uns feiern. Später heißt es jedoch in Joh 7, 14: „Mitten im Fest ging Jesus hinauf in den Tempel und lehrte.“
Seine Weigerung, mit seinen Brüdern mit auf das Fest zu ziehen steht unter dem Zeichen, dass diese Art von Fest eben nicht sein Fest ist. Sein Fest ist das Passah. Seine Stunde ist das Fest, an dem ein Opferlamm geschlachtet wird. Jesus geht öffentlich auf das Fest. Doch nicht um mitzufeiern, sondern um unter anderem deutlich zu machen, dass die Feiernden seine künftigen Mörder sind. „Warum sucht ihr mich zu töten?“ fragt Jesus in Joh 7, 19b,20.
Das ist unerhört, wie Jesus einem die Festlaune verderben kann. Doch ich glaube, dass wir genau damit zu rechnen haben, wenn wir Jesus so auf unsere Feste mitnehmen, wie seine Brüder ihn mitnehmen wollten.
Das Volk glaubte an Jesus. Aber es glaubte an ihn in menschlicher Weise. Sie hofften, dass er ein Führer des Volkes sein könnte, der sie von der Schmach der Römer befreien würde. Sie glaubten an ihn nicht im Blick auf Gott, sondern im Blick auf ihr eigenes Wohlergehen.


Auch ich glaubte in der ach so besinnlichen Adventszeit, dass Jesus meine frommen, weihnachtlich-romantischen Gefühle nähren würde. Der Schnee, das Kindlein in der Krippe, die leuchtenden Kinderaugen.
Doch was Jesus mir auf dem Weihnachtsfest sagte war: „Du bist mein Mörder.“ „Was du einem meiner geringsten Brüdern getan hast, das hast du mir getan“ (Matth 25, 40) Das ist gar nicht romantisch. Da gefriert einem jede Sinnlichkeit. 
Was muss mit uns geschehen, dass wir Jesus erblicken, wenn wir Menschen sehen, die in Not sind?


Ich persönlich werde sicher noch eine Weile über „Feststimmungen“ nachdenken.
Ich bitte Gott um Sensibilität für meinen Nächsten, dass ich erkenne, was er braucht, um am Leben zu bleiben – zum Leben zu kommen. – Und das nicht nur am Heiligen Abend.


Feste, deren Anlass umstritten ist, schlagen logischer Weise aus der Art. Weil nun einmal das Weihnachtsfest auch von denen gefeiert wird, die nicht wirklich eine Begegnung mit Jesus wünschen, stellt sich dieses Fest so entartet dar. Verweichlicht, kommerziell, bauchgesinnt und übergestülpt. Die Weihnachtsbotschaft wird nicht mehr verstanden. Vielleicht auch deshalb nicht, weil  wir Christen so feiern wie alle feiern: Vor den Festtagen schieben wir unsere Einkaufskörbe hastig die Regale entlang, zermartern uns den Kopf wem wir was schenken und wünschen uns doch, dem ganzen Feststress zu entziehen. Und die, die niemanden haben, den sie beschenken und mit denen sie feiern könnten, finden keine Herberge für ihre einsame Seele.


Eine große Dürre ist über das Weihnachtsfest des 21. Jahrhunderts gekommen. Welch erstaunliche Leere bleibt in der Seele zurück, wenn der Trubel vorüber ist. Doch je entfremdeter und je dümmer es sich in dieser Welt darstellt, desto feierlicher ist es in der Stube geschmückt. „Festtage kommen wie Könige und gehen wie Bettler“, sagt ein skandinavisches Sprichwort. Unter der glitzernden Oberfläche der fröhlichen Konsumnacht gähnt der angeborene Abgrund der Rebellion gegen Gott.
Nein! Das Weihnachtsfest, wie es im christlichen Abendland heutzutage gefeiert wird, scheint mir nur noch ein Museumsstück zu sein, dessen Deklaration keiner mehr liest oder versteht.


Als Jesus auf dem Laubhüttenfest das Volk fragt, warum sie ihn töten wollen, bekommt er zur Antwort (Joh 7, 20) „Du bist besessen! Wer sucht dich zu töten?“
Jesus in seiner Präexistenz war es, der das Volk Israel während der 40 Jahre in der Wüste bewahrte. Das feiern sie! Und den Bewahrer nennen sie besessen!

Ein wenig kommt mir das bekannt vor. Steht man nicht auch sehr schnell als besessen da, wenn man nicht so feiert wie alle anderen?
Gott sei Dank ist Gott gnädig. Seine Gnade und die Macht seines Wortes wird selbst die aus diesem verrückten Spektakel herausrufen, die nicht nach ihm fragen. Gott sei Dank stört Jesus unser Weihnachtsfest. Gott sei Dank lässt er sich nicht in unsere Bauchgesinnung mitnehmen.
Ließe sich Jesus einfach so in unsere Vorstellungen von „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ einbauen, dann wäre er nicht mehr als ein Konsumhelfer  -  eben ein Weihnachtsmann.


Ronald Willems

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