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Statistische Untersuchungen haben ergeben, dass Selbstbefriedigung (Masturbation) besonders unter der männlichen Jugend praktiziert wird. Zunächst ist Selbstbefriedigung eine natürliche, durchaus
normale Erscheinung. Darum gehört dieses Thema auch nicht in die “Schmuddelecke”..
Die Entdeckung der eigenen Sexualität ist eine notwendige Erfahrung für einen jungen Menschen. Er muss lernen, die ungeheure Macht und Kraft der körperlichen Liebesfähigkeit für sich selbst
einzuschätzen und sie zu beherrschen. Die Fähigkeit zur sexuellen Erregung tritt bereits im Kindesalter ein. Sie wächst und reift lebenslang körperlich, seelisch und geistig. Mit der Pubertät wächst die Neugier, sowohl am
eigenen, als auch am anderen Geschlecht. Die pubertäre Sexualität hat jedoch meist kein Gegenüber. So ist der junge Mensch zunächst autoerotisch (Autoerotik= die erotisch-sexuelle Triebbefriedigung ohne Partnerbezug).
In dieser Zeit steht der junge Christ in einem Wechselbad der Gefühle. Er ist hin und her geworfen zwischen Triebbefriedigung und Gewissen. Eltern und Gemeinde reden ungern oder gar nicht über
dieses Thema. Es ist peinlich. – Warum eigentlich? Sexualität ist doch eine Gabe Gottes! Wenn wir den jungen Menschen mit seinen Fragen alleine lassen, wird er sich anderswo Orientierung suchen. Früher wurden der
Selbstbefriedigung manche Krankheitsfolgen zugeschrieben. Schon lange hat man erkannt, dass diese Aussagen nicht stimmen. Es ist unheilvoll für den jungen Menschen, ihn mit moralisch zweifelhaften Drohungen von der
Selbstbefriedigung abhalten zu wollen.
Die Selbstbefriedigung weist auf einen Mangel in der menschlichen Persönlichkeit hin. Sie ist ein Kennzeichen dafür, dass der junge Mensch in seiner Beziehung zum geschlechtlichen Gegenüber und in
seiner Einstellung zur eigenen Person noch nicht vollständig herangereift ist. Dies ist verständlich in der Entwicklungsstufe eines jungen Menschen in der Pubertät.
In der Bewältigung der Autoerotik spielt das Verhalten zur Selbstbefriedigung eine gewisse Rolle. Der Mensch kann sich zu ihr verschieden verhalten: Er kann einfach dem Verlangen nachgeben und
damit seine autoerotische Einstellung bekräftigen; er kann den Antrieb zur Selbstbefriedigung verdrängen, ohne die autoerotische Einstellung zu ändern. Er kann sich mit seinem Trieb zur Selbstbefriedigung auseinandersetzen und
sich dafür entscheiden, nicht nachzugeben, sondern die Spannung auszuhalten. Das letztere Verhalten stellt die Weichen für eine Entwicklung, die zur weiteren geschlechtlichen Reifung führt. Dieses freiwillige Aushalten der
Bedürfnisspannung, treibt den Prozess der persönlichen Reife voran. Manche werfen den Ratsuchenden in dieser Sache ungezügelte Lustbefriedigung vor. Dieser Vorwurf trifft jedoch bei denen ins Leere, die nicht Lust, sondern
Befreiung von der Spannung suchen. Die Lust ist hier nicht zu beurteilen. Es ist nach dem Beweggrund und Ursache der Selbstbefriedigung zu fragen. Der Seelsorger muss nach der persönlichen Reife des Ratsuchers fragen. Der Mensch
soll aus der „Ichliebe“ zur „Duliebe“ * heranreifen. Die Selbstbefriedigung ist Ausdruck der „Icheinstellung“.
Dem jungen Menschen ist zu raten, seine Triebspannung nicht leichtfertig in Selbstbefriedigung umzusetzen. Denn damit entzieht er seinem Trieb die Energie, die zu seiner Weiterentfaltung benötigt
wird. Und dies gilt besonders, wenn die Selbstbefriedigung nur eine Entschädigung für manche Unlust- und Versagensprobleme ist.
Ist ein Erwachsener in der Selbstbefriedigung gefangen, - oder besser ausgedrückt: ist ein Erwachsener bei sich selbst festgehalten, so ist er in manchen Bereichen seines geistlichen Glaubenslebens
behindert. Lustbefriedigung und Gewissen stehen im Krieg miteinander.
Ist also Selbstbefriedigung Sünde? Diese Frage muss jeder für sich persönlich beantworten – sie führt an dieser Stelle zu keiner wirklichen Hilfe. Das, was hinter der
Selbstbefriedigung steht, muss erforscht werden. Nämlich das Festgehaltensein an und in sich selbst, das möglicherweise seine Ursache in einer ungereiften Einstellung zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu Gott hat. Es wäre
für den Betroffenen Erwachsenen keine Hilfe, wenn man das Problem der Selbstbefriedigung moralisch bewertet. Es muss medizinisch-psychologisch verstanden werden. Masturbation kann zur Ableitung aller möglichen psycho-
vegetativen Verspannungszustände dienen. Es ist verblüffend, wie viele Gemütsbewegungen unbewußt in den sexuellen Kanal verschoben werden. Da sind zu nennen: Angst, Unbehagen, motorischer Antriebsstau, Unruhe, persönliche
Konflikte, Versagensprobleme und vieles andere mehr. Mittels der kurzen Lust werden diese Dinge überdeckt. In der Selbstbefriedigung wird ein tragendes Lebensgefühl vernommen, dass dem Betroffenen in anderen Lebensbereichen
versagt scheint.
Hieran lässt sich erkennen, dass Selbstbefriedigung von ihrer Absicht und von ihrem Wesen her mit Sexualität vordergründig nichts zu tun haben muss. Somit wird die gottgeschenkte Sexualität ziel-
und zweckentfremdet. – Sie wird mißbraucht.
Wenn man hier von Schuld reden will, müßte man sagen: Der Betroffene wird unschuldig schuldig. Man muss also, falls man dem Gedanken der Schuld nachgehen will, tiefer graben.
Der Betroffene besitzt keinesfalls die Freiheit, sich für oder gegen Selbstbefriedigung zu entscheiden, denn sein Problem liegt in seiner Entwicklungsreife. Er kann zwar auf das Nachgeben seines
Triebes verzichten, doch damit wird das eigentliche Problem nur verdrängt.
Der einzelne Akt der Selbstbefriedigung mag noch nicht großes Unheil anrichten. Doch die eigentliche Erfüllung, die der einzelne Akt meist nicht bieten kann, wird in der Häufung, in der
Wiederholung gesucht. So kann sich die Selbstbefriedigung auswachsen zu einer süchtigen Fixierung auf einen unausgereiften Sexualgenuss, der der Persönlichkeitsreifung im Wege steht.
Die Entdeckung der eigenen Sexualität ist auf einen guten Zweck hin von Gott im Menschen angelegt. Gaben Gottes jedoch können auch für sich selbst vergeudet werden. Wer beispielsweise die Gabe hat,
zu reden, der kann sie missbrauchen, indem er lügt. Da der Mensch von seinem natürlichen, sündhaften Wesen her auf lügen angelegt ist (wer hätte noch niemals gelogen?) wird ein Verbot nichts nützen, um ihn von Lüge zu
befreien. Ebenso kann ein Verbot nicht aus der Selbstbefriedigung führen. (1. Tim 4, 8: Die leibliche Übung ist zu wenigem nütze) Was kann man einem betroffenen jungen und erwachsenen Menschen raten? Das
ungezügelte Ausleben der Selbstbefriedigung entleert, bindet und verhindert die Persönlichkeitsreifung. Doch was hilft? Der Ratsuchende sollte die Spannung ertragen, zu der er kräftig genug ist. Er sollte allerdings nicht
seine Kräfte im Kampf gegen die Selbstbefriedigung verzehren. Das wäre zudem unsinnig, weil es nicht weiterbringt und das Problem nicht löst. Er sollte in dem Ausmaß kämpfen, in dem er es nicht lassen kann. Aber er prüfe sich, ob
er nicht doch noch mehr Kraft hat, als er meint. Und er prüfe sich, ob er seine Sexualität durch Selbstbefriedigung nicht zweckentfremdet, weil er persönliche Probleme und Konflikte zu verdrängen sucht. Es ist ratsam, sich
zugleich einer anderen Spannung im Leben auszusetzen. Beispielsweise in der Nachfolge Christi.
Und vielleicht hilft auch ein neues Schuldbewusstsein zum Thema Selbstbefriedigung - nämlich „dort schuldig zu werden, wo man nicht unschuldig zu bleiben vermag , und die Unlust des Lebens zu
ertragen, ohne in die lustvolle Entspannung der Selbstbefriedigung auszuweichen.“ *
Wer einen Menschen mit seiner Schwierigkeit der Selbstbefriedigung zu betreuen hat, soll sie nicht dramatisieren und ihn nicht ängstigen. Er sollte ihm nach Möglichkeit zur
Öffnung auf das „Du“ hin helfen. Das heißt: ihm Wege und Kraftquellen aufzeigen, die ihn aus der Umklammerung an und in sich selbst befreien. Das hieße zunächst, die Hingabe seiner Bedürfnisse an Gott und den
Nächsten. Man würde dem Ratsuchenden keinen guten Dienst erweisen, wenn man ihm seine Schuldgefühle ausredet, indem man ihm auszureden versucht, an der Selbstbefriedigung sei nichts auszusetzen. Noch fragwürdiger erscheint
der Missgriff, wenn man den Ratsuchenden zur Selbstbefriedigung ermutigt mit der Begründung sie sei zum Einüben der Sexualität notwendig. – Einzuüben wäre ja die reife Haltung.
Um Reife im christlichen Sinn zu
erlangen ist die Einübung des Glaubens unerlässlich. Ronald Willems Bibelstellen: 1. Joh 2, 17 ; Lukas 9, 23 ; Joh 12, 24-26 ; Apostelgesch. 24, 16 ; Römer 13, 14 ; Gal 5, 16+17+24 ; 1. Tim 4,
7b+8 ; 2. Tim 2, 22 ; Hebr 4, 15+16 ; 5, 13+14 ; 12, 12-15 ; Jak 1, 12-14 ;
Lesetipp: Das Hohelied Salomos
* Dr. med. Rudolf Affemann: Sexualität im Leben junger
Menschen – Ein Leitfaden der Geschlechtserziehung für Eltern und Lehrer, Herderbücherei Bd. 661, Freiburg 1978, Seite 151
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